Gibt es Talent?




Alles was zum Thema Querflöte gehört, aber nirgendwo reinpasst

Moderator: Muri

Gibt es Talent?

Beitragvon Muri » 19.04.2010, 09:07

Liebe FlötistInnen,

Eine Freundin und ich hatten neulich eine spannende Diskussion über "Talent". Sie hat ein Buch gelesen, in dem widerlegt wurde, dass es sowas wie Talent gibt. WIr haben ewig diskutiert und uns im Kreis gedreht und es war wirklich spannend.
Sie erzählte von einem Vergleich von Profi und Amateurviolinisten. Der einzige Unterschied war, dass der Profi 5x mehr geübt hatte als der Amateur. Es gäbe kein Talent, sondern nur Fleiß. Wer Musik schneller "begreifen" kann, hat mehr Musik gehört oder beobachtet (z.B. bei den Eltern). Durch das Abhören sucht sich jeder das Beste aus und so entsteht der eigene Stil. Das "beweist" ein Mann, der sich 2 Jahre frei genommen hat und nie vorher mit Musik zu tun hatte. Er hat sich in sein Zimmer verschlossen und nur drei Musiker angehört. Er hat selber ganz viel gepbt (Gesang meine ich) und später sagten die Leute ihm (unwissend), er würde aus einer Mischung aus den drei Musikern klingen. Das leuchtet mir auch ein...
Das ist die grobe Zusammenfassung ihrer Argumentation.

Für mich ist klar, dass auch das größte Talent ohne üben nciht vorankommt. Aber ich glaube schon, dass man eine gewisse Begabung hat oder auch nicht. Die macht zwar vielleicht nicht soo viel aus, wie bislang vermutet, aber ich kann mich nicht vorstellen, dass es sowas nicht gibt. Für mich bedeutet "Begabung" etwa, dass jemand etwas schnell auffassen und umsetzen kann (oder auch abgucken). Und ich denke schon, dass man dort Unterschiede feststellen kann.

Mich interessiert brennend eure Meinung zu diesem Thema!!
Benutzeravatar
Muri
 
Beiträge: 702
Registriert: 01.05.2008, 09:38
Wohnort: Wo der Pfeffer wächst

von Anzeige » 19.04.2010, 09:07

Anzeige
 

Re: Gibt es Talent?

Beitragvon Christina » 19.04.2010, 12:35

Hallo!

Also, ich denke auch, dass es so etwas wie Talent gibt, wobei das vielleicht nicht unbedingt komplett angeboren sein muss. Sicher spielen auch die Erziehung und das soziale Umfeld eine Rolle. Ein Kind, mit dem die Eltern von Anfang an viel gesprochen und gesungen haben, das zu Hause oft mit verschiedenen Arten von Musik in Kontakt gekommen ist, wird es sicher leichter haben, einen Zugang zum aktiven Musizieren zu finden, als ein anderes Kind, dem diese Erfahrungen komplett fehlen. Auch andere Faktoren spielen eine Rolle wie zum Beispiel Intelligenz und Konzentrationsfähigkeit. Ich habe zum Beispiel schon oft beobachtet, dass Schüler vom Gymnasium ganz anders an das Erlernen eines Instruments herangehen und das oft viel müheloser schaffen, als z.B. Hauptschüler, was sicher damit zusammenhängt, das die an ganz andere Lerntechniken und Problemlösungsstrategien gewöhnt sind, was ihnen dann auch in der Musik zugute kommt. Nicht zuletzt kommen anatomische und motorische Besonderheiten hinzu, die dem einen den Umgang mit einem bestimmten Instrument vielleicht eher erleichtern als einem anderen.

Diese ganzen Dinge zusammengenommen ergeben schon so eine Art Talent, also die Voraussetzungen, die jemand hat, um ein gewisses Niveau auf dem Instrument zu erreichen. Sicher lässt sich fehlendes Talent bis zu einem gewissen Grad durch Fleiß kompensieren und andererseits kommenauch sehr begabte Schüler irgendwann ohne die nötige Übung nicht mehr weiter. Aber ich habe schon oft beobachtet, dass zwei Schüler im selben Alter, mit ähnlichem sozialen und schulischen Hintergrund, dem gleichen Instrumentallehrer (also wohl ähnlicher Unterrichtsgestaltung) und vergleichbarem Übungseinsatz sich sehr schnell völlig unterschiedlich entwickeln. Was sonst als unterschiedliches Talent, eine mehr oder weniger gute Begabung, genau dieses Instrument zu erlernen, soll das sein?

LG Christina
Benutzeravatar
Christina
 
Beiträge: 1797
Registriert: 01.04.2007, 14:09

Re: Gibt es Talent?

Beitragvon La musicienne » 19.04.2010, 18:49

Das ist ja wieder ein wirklich spanndendes Thema! ;)
Ich denk auch, dass zum Erfolg nicht nur ein Talent, das sich in einer guten Musikalität und guten anatomischen und geistigen Voraussetzungen u.s.w. zeigt, gehört, sondern auch die anderen Faktoren, wie guter Unterricht von Anfang an, Prägung durch die Eltern, effektive Übemethoden und Fleiß.
Was auch eine sehr große Rolle spielt, wie schon geschrieben wurde, ist das Nachahmen. Ein Instrument lernt man eigentlich wie das Sprechen, und wenn sich viele Einflüsse mischen, bildet man daraus irgendwann einen eigenen Stil. Aber ich denk nicht, dass das ein Argument gegen das Talent ist.
Im Bezug auf den eigenen Stil sehe ich immer wieder das Problem, dass ich nicht weiß, inwiefern man den verwirklichen darf. Wann ist die Grenze, was darf man, was nicht? Natürlich hab ich noch keinen richtigen eigenen Stil, aber wie lässt sich der persönliche Stil mit den "Vorschriften" oder der aktuellen "interpretatorischen Lehrmeinung", die für bestimmte Musik gelten, vereinen? Da wird man wohl oft einen Kompromiss eingehen müssen, aber dann ist es ja schon nicht mehr der ganz individuelle Stil.
La musique est la vie!
Benutzeravatar
La musicienne
 
Beiträge: 1371
Registriert: 03.09.2008, 16:32

Re: Gibt es Talent?

Beitragvon Altetröte » 20.04.2010, 10:17

Das ist wirklich ein spannendes Thema!

Es gibt im vioworld Forum unter der Rubrik Musikstudium und Beruf einen ziemlich langen und in Teilen interessanten Thread dazu, der auch mit "Talent" überschrieben ist. Er ist schon etwas älter, daher muss man ein bißchen blättern. Leider läßt er sich nicht verlinken, sonst hätte ich ihn hier eingestellt. Das Forum dort soll übrigens zum 1.5.2010 geschlossen werden, weil es immer wieder zu Regelverstößen kam. Ich weiß daher nicht, ob man danach noch auf die alten Beiträge zugreifen kann...

Ich für mein Teil glaube nur bedingt an Talent. Ich denke, dass viele Faktoren zusammenkommen müssen, in allererster Linie Interesse an dem was man tut, Disziplin und Fleiß. Damit kann man u. U. weiter kommen, als jemand, dem von allen Seiten Talent bescheinigt wird, der aber überhaupt keine Lust zum Üben hat. Es gibt Leute, die sind motorisch so fit, dass sie die schwierigsten Läufe und Figuren in einem Affentempo spielen können, dabei aber kein Gefühl für Intonation und Rhythmus haben. Trotzdem sind sie mit Spaß an der Sache. Soll man ihnen das Vergnügen nehmen?
Andere wiederum sind motorisch nicht so gut, dafür hören sie gut und können Stücke so spielen, dass es Musik ist und nicht Spielen nach Noten.

Ich denke, jeder hat seine Stärken und Schwächen und die Kunst besteht darin, zum einen die Schwächen zu trainieren und zum anderen die Stärken zu fördern und zu nutzen. Völlig unmusikalische Menschen sind meiner Ansicht nach sehr selten und auch nur in der Ausübung unmusikalisch, dafür aber oft leidenschaftliche Konsumenten. Darüberhinaus spielen auch gesellschaftliche Aspekte eine Rolle: nicht jedes Kind hat Zugang zur Musik und zum Erlernen eines Instrumentes, sei es aus finanziellen Gründen oder weil innerhalb der Familie Musik keine Rolle spielt, sondern vielleicht eher Sport, wobei es ja auch dort "Talente" gibt.
Das klassische Bildungsbürgertum, in dem eine musikalische Ausbildung zur Erziehung dazugehört, ist im Aussterben begriffen bzw. wird fast nur noch von den sogenannten "Besserverdienenden" gepflegt, denn machen wir uns nichts vor, guter Unterricht und gute Instrumente sind teuer! Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel!

Das sind schon eine Menge Anhaltspunkte, obwohl ich glaube, dass es noch viel mehr Facetten gibt. Aber jetzt seid Ihr erst mal dran :)


Liebe Grüße
von der

Alten Tröte
"Ihr wisset, dass ich die blasenden Instrumentalisten nicht leiden kann, denn sie blasen alle falsch"

Alessandro Scarlatti (zu Johann Joachim Quantz)

Pearl Silberflöte 765 RE Quantz - Mehnert Flöte
Benutzeravatar
Altetröte
 
Beiträge: 1281
Registriert: 18.06.2009, 12:48

Re: Gibt es Talent?

Beitragvon Christina » 20.04.2010, 11:08

Als erstes stellt sich bei den letzten Beiträgen, die ich jetzt gelesen habe die Frage, wie man denn eigentlich "Talent" definieren will. Für mich ist das die Voraussetzung, die jemand mitbringt, um ein Instrument, eine Sportart oder auch irgendeine andere Sache zu erlernen. Und da gibt es meiner Beobachtung nach schon sehr deutliche Unterschiede: dem einen fällt es leicht, er kann schon mit geringem Übungsaufwand relativ gute Ergebnisse erzielen, während ein anderer oft hart arbeiten muss, um einen ähnlichen Stand zu erreichen.

Ich greife mal Altetrötes Beispiel von den motorischen Voraussetzungen auf, weil das glaube ich etwas ist, was sich gut beobachten und nachvollziehen lässt. Es gibt ganz einfach Menschen, die von der Feinmotorik her geschickter sind als andere. Vielleicht sind sie schon mit besonders beweglichen Fingern geboren. Vielleicht haben sie durch andere Tätigkeiten diese Fähigkeit entwickelt. Das spielt auch keine große Rolle. Aber so jemand bring für mich eine bessere Begabung für ein Holzblasinstrument mit als jemand, der sehr steife, unbewegliche Finger hat. Der würde sich mit z.B. einer Tuba, die weniger schnelle Läufe spielt und bei der man deutlich weniger Finger gleichzeitig im Einsatz hat möglicherweise leichter tun. Ähnlich ist es mit dem Gefühl für Klang und Intonation. Wer da schon schlechtere Voraussetzungen mitbringt, wird mit einem Blasinstrument, bei dem man das alles selber ausgleichen muss oder sogar als Streicher sicher mehr Probleme haben, als z.B. mit einem Klavier, bei dem die Tonhöhe einfach feststeht. Und jemand mit einem schlechten Rhthmusgefühl wird als Schlagzeuger aller Voraussicht nach weniger erfolgreich sein, als meinetwegen beim Fußball.

Natürlich kann und soll auch jemand mit einer schlechteren Begabung ein Musikinstrument spielen, sofern es ihm Spaß macht. Viele der genannten Fähigkeiten lassen sich mit der Zeit und mit viel Übung ja durchaus verbessern, so dass auch Schüler, die sich anfangs sehr sehr schwer tun und große Probleme haben, sofern sie durchhalten und den nötigen Ehrgeiz mitbringen oft irgendwann recht gute Musiker werden. Und leider ist es ja auch oft so, dass jemand wirklich große Begabung für ein Instrument mitbringt, aber nicht das Interesse zeigt, diese Fähigkeiten zu entwickeln und so wegen mangelnder Übung nie besser als mittelmäßig wird.

Zusammenfassend denke ich schon, dass es Talent gibt. Die Frage ist halt immer, was man daraus macht und ob man so eine Begabung fördert oder nicht.
Benutzeravatar
Christina
 
Beiträge: 1797
Registriert: 01.04.2007, 14:09

Re: Gibt es Talent?

Beitragvon anmasi » 20.04.2010, 12:25

Schade,wirklich schade ist es wenn man sein Talent
viel zu spät erkennt.Als Kind war ich, wie viele
meiner Freundinen in der musikalischen Früherziehung
und bin als unmusikalisch heraussortiert wurden. Jetzt viele Jahrzehnte später und ohne musikalische
Förderung in meiner Jugend, nehme ich seit 5 Jahren Querflötenunterricht.Für die beiden ersten
Lehrbücher habe ich noch nicht mal ein Jahr gebraucht.Die Querflöte ist zu meinem wichstigsten
Hobby geworden und ich bedaure zutiefst,dass ich nicht schon viel länger spielen.
LG Anmasi
anmasi
 
Beiträge: 89
Registriert: 17.11.2008, 16:20

Re: Gibt es Talent?

Beitragvon La musicienne » 20.04.2010, 13:09

Oja, das bereue ich auch, hab zwar mit 11 angefangen, finde es aber total schade, nicht schon mit 6-8 angefangen zu haben. Jedes Jahr ist ja schließlich wertvolle Zeit. Und ich beneide immer die, die jünger sind als ich, aber schon länger spielen.
La musique est la vie!
Benutzeravatar
La musicienne
 
Beiträge: 1371
Registriert: 03.09.2008, 16:32

Re: Gibt es Talent?

Beitragvon Altetröte » 20.04.2010, 13:32

Tja, da ist sie wieder, die Frage aller Fragen:

WAS ist Talent?

Wobei wir jetzt mal der Einfachheit halber davon ausgehen, dass wir uns erstens darüber einig sind, dass ein gewisses Mass an Talent unabdingbar vorhanden sein muss und zweitens, dass wir hier ausschließlich vom musikalischen Talent sprechen.

Ich glaube, Musiker haben da sowieso eine spezielle Auffassung. Ich habe schon des öfteren "Fachgespräche" mitbekommen, wo es um die Qualität eines Musikers (im Sinne von Musik Ausübendem) geht und dort speziell um die Differenzierung zwischen ambitionierten Laien und "richtigen" Musikern. Ich denke, auch dieses ist wieder mal mehr als subjektiv und liegt im Auge, bzw. in unserem speziellen Fall, im Ohr des Betrachters/Zuhörers. Es gibt Berufsmusiker, denen man jedes Talent absprechen würde, wenn man sie wertfrei nur nach ihrem Spiel beurteilen sollte. Auf der anderen Seite hat ein befreundeter Musiker, der stets und ständig auf Konzertreise im In- und Ausland unterwegs ist, bei Jugend musiziert zu hören bekommen, dass sein "Talent" zwar für "Hausmusik auf gehobenem Niveau" ausreichen würde, aber niemals für eine Karriere als Berufsmusiker. Hätte er das geglaubt und so wie anmasi auf eine weitere musikalische Ausbildung verzichtet, wäre er wahrscheinlich für den Rest seines Lebens unglücklich gworden.

Desweiteren glaube ich aber auch, dass Talent sich im Laufe des Lebens (weiter-)entwickeln kann. Vielleicht hätte anmasi - um bei ihr als Beispiel zu bleiben - (ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel, anmasi) wenn sie als Jugendliche Flöte gelernt hätte, wie es ja damals ihr Wunsch war, nach einem halben Jahr ihr Instrument in die Ecke geworfen und alle Welt hätte gesagt: Siehst Du, das haben wir Dir ja gleich gesagt, oder aber aus ihr wäre eine weltberühmte Flötistin geworden. Heute kann sie selbst entscheiden und hat vor allem den Willen und die Disziplin "Ihr Ding" auch durchzuziehen, was ja in der Regel auch bei den begabten Jugendlichen das eigentliche Problem ist. Zumal man mit 14 ja auch nicht unbedingt weiß, wohin es beruflich einmal gehen soll. Man kann sich in dem Alter ja kaum vorstellen, 20 zu werden und dann soll man sich Gedanken über den Rest seines Lebens machen? Undenkbar! Bei den bekannten "Wunderkindern" aus Vergangenheit und Gegenwart waren es immer die Eltern oder Lehrer, die dafür gesorgt haben, dass das talentierte Kind auch jeden Tag seine 8 Stunden übt, und so die Weichen für die berufliche Zukunft gestellt haben.

Ja und um langsam mal zum Schluß zu kommen: bedingt Talent zwangsläufig Erfolg? Üben und Disziplin jetzt mal vorausgesetzt? Die Frage ist doch, womit man selbst zufrieden ist! Es gibt die talentierten Musiker, denen es reicht, im Laienbereich ein bißchen Kammermusik mit Freunden zu machen oder ab und an mal in der Kirche ein kleines Konzert zu geben, vielleicht auch, weil sie sich ihres Talentes gar nicht bewußt sind. Und es gibt die weniger talentierten, die auf Biegen und Brechen eine musikalische Karriere anstreben und zum guten Schluß frustrierte Musiklehrer werden, weil sie sich einfach maßlos überschätzt haben.
"Ihr wisset, dass ich die blasenden Instrumentalisten nicht leiden kann, denn sie blasen alle falsch"

Alessandro Scarlatti (zu Johann Joachim Quantz)

Pearl Silberflöte 765 RE Quantz - Mehnert Flöte
Benutzeravatar
Altetröte
 
Beiträge: 1281
Registriert: 18.06.2009, 12:48

Re: Gibt es Talent?

Beitragvon Christina » 20.04.2010, 14:18

Puh, so langsam wird es kompliziert, aber gut, denken wir die Sache mal weiter :wink:.

Sicher hast du Recht, dass Talent keine feststehende Größe ist, sondern es entwickelt sich im Laufe unseres Lebens weiter, abhängig von den Erfahrungen die wir machen, der Umgebung, in der wir uns bewegen und der Art und Weise, wie wir die entsprechenden Fähigkeiten, die ich als Voraussetzung für die jeweilige Begabung ansehe, trainieren oder auch nicht.

Darum halte ich es auch für unverantwortlich einem Kind,so wie es anmasi offenbar passiert ist, allgemein fehlende Musikalität zu bescheinigen, denn man kann nie vorhersehen, wie sich gerade dieses Kind mit entsprechender Förderung vielleicht zukünftig entwickeln würde. Allerdings hatte ich auch schon Schüler in der Blockflötenausbildung, denen ich ganz klar von der Entscheidung zu einem bestimmten Folgeinstrument abgeraten habe, weil ich einfach nicht die entsprechenden Voraussetzungen (oder das nötige Talent?) dazu gesehen habe. Allerdings versuche ich dann immer, sinnvolle Alternativen zu finden.

Ich kann mich zum Beispiel noch sehr gut an ein kleines Mädchen erinnern, das vor einigen Jahren unbedingt Querflöte lernen wollte. Sie war von ihrer ganzen Motorik her sehr unkoordiniert und ungeschickt, hat es schon bei der Blockflöte kaum geschafft, die Griffe sauber zu wechseln. Hinzu kam eine undeutliche Aussprache, also Schwierigkeiten in der Mund- und Zungenmotorik. Und zu allem Überfluss ist es ihr auch noch äußerst schwer gefallen, theoretische Zusammenhänge zu erfassen. Tue ich so einem Kind wirklich einen Gefallen, wenn ich es ein Instrument wie Querflöte, bei dem alle diese Funktionen in sehr hohem Maße gefordert sind, erlernen lasse? Aber es nützte alles Nichts, sie hat ihren Willen durchgesetzt und mit dem Unterricht angefangen. Es ging seeehr langsam und schleppend vorwärts, sie musste miterleben, wie Kinder, die deutlich später als sie mit der Flöte angefangen haben, sie mit Leichtigkeit überholt haben und im Laufe der Monate wurde sie immer unglücklicher mit ihrer Flöte. Ich weiß nicht, wie sie sich entwickelt hätte, wenn sie dabei geblieben wäre. Aber nach langer Überlegung hat sie auf Tenorhorn umgesattelt (was von Anfang an unsere Empfehlung war), die Musik macht ihr wieder Spaß und inzwischen spielt sie auch im Orchester mit - nicht gut, aber immerhin. Diese negative Erfahrung hätte man ihr sicher ersparen können, wenn von Anfang an mehr Rücksicht auf ihre individuellen Stärken und Schwächen, eben auf ihr Talent genommen worden wäre.

Ob Talent zwangsläufig Erfolg bedingt, weiß ich nicht. Ich glaube eigentlich eher nicht. Vielleicht macht ein gewisses Talent es einfacher, auch Erfolg zu haben. Aber dazu muss dann der nötige Ehrgeiz und Fleiß kommen, eine richtige und gute Ausbildung und wahrscheinlich auch eine gewisse Portion Glück. Wobei ich jetzt Talent auch nicht unbedingt nur auf Berufsmusiker beschränken würde. Es gibt durchaus auch im Amateurbereich sehr gute und begabte Musiker, die gar nicht den Wunsch haben, aus der Musik mehr als ein Hobby zu machen. Ist ihr Talent deswegen weniger wert?
Benutzeravatar
Christina
 
Beiträge: 1797
Registriert: 01.04.2007, 14:09

Re: Gibt es Talent?

Beitragvon anmasi » 20.04.2010, 14:30

Vielleicht hätte anmasi - um bei ihr als Beispiel zu bleiben - wenn sie als Jugendliche Flöte gelernt hätte, wie es ja damals ihr Wunsch war, nach einem halben Jahr ihr Instrument in die Ecke geworfen und alle Welt hätte gesagt: Siehst Du, das haben wir Dir ja gleich gesagt, oder aber aus ihr wäre eine weltberühmte Flötistin geworden.


Liebe A.T.
Mit Sicherheit nicht.Meine Sehnsucht ein Instrument zu spielen war unstillbar.Überall wo ich hinkam und eins herumstand probierte ich es aus oder versuchte darauf zu spielen.Als Kind begleitete ich meinen Opa,der hervorragend Mandoline spielen konnte(ich vermute er hatte niemals Unterricht)mit einem Keyboard .Es gab nichts schöneres für mich als Musik zu machen.Eine Tante hatte ein Akkordeon herumstehen sowie eine Trompete,beide Instrumente probierte ich natürlich aus und war damit den ganzen Nachmittag beschäftigt während meine Familie Kaffee getrunken und Kuchen gegessen hat.Blockflöte brachte ich mir allein,nach Gehöhr bei,da war ich noch nicht in der Schule.Noten lernte ich im normalen Musikunterricht.Irgendwann bekam ich endlich eine Gitarre-da lernte ich eben diese,wieder ohne Unterricht.Du kannst sagen was du willst.Ich vertrete zumindestens bei mir die These, dass wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückschaue,Musik schon immer eine Rolle gespielt hat.Zur Querflöte kam ich ja auch zufällig und Gott sei Dank kannte ich ja mittlerweile eine Flötistin so daß ich endlich nach so vielen Jahren richtigen Unterricht bekomme.Ich bedauere es sehr,dass ich als Kind übersehen worden bin.
LG Anmasi
anmasi
 
Beiträge: 89
Registriert: 17.11.2008, 16:20

Re: Gibt es Talent?

Beitragvon Altetröte » 20.04.2010, 14:56

Liebe anmasi,

ich wollte Dich nicht persönlich ansprechen, bitte entschuldige. Es sollte nur ein Beispiel sein, wie es gehen könnte

Natürlich sollte man einem Kind den ersehnten Musikunterricht nicht verwehren, aber es gibt oft Gründe, die dagegen sprechen und die von den Kindern gar nicht oder ganz anders wahrgenommen werden.

Liebe Christina,

ein ganz klares NEIN! Ich glaube nicht, dass das Talent eines Laien weniger wert ist als das eines Profis, wenn man das denn überhaupt in dieser Form differenzieren kann. Mir ging es da mehr um die Selbsteinschätzung der Profis und um deren Definition von Talent, die scheinbar in der Tat eine andere ist. Ich persönlich finde, dass eher umgekehrt ein Schuh draus wird, wenn nämlich ein Laie, der nicht 12 Stunden täglich mit seinem Instrument beschäftigt ist, ein guter Hobby-Musiker wird und mit Freude sein Leben lang musiziert. Auch er wird sich weiter entwickeln und sein Talent wird ihm dabei helfen, da ihm ja nicht dieselben Möglichkeiten offenstehen, wie dem Berufsmusiker.
"Ihr wisset, dass ich die blasenden Instrumentalisten nicht leiden kann, denn sie blasen alle falsch"

Alessandro Scarlatti (zu Johann Joachim Quantz)

Pearl Silberflöte 765 RE Quantz - Mehnert Flöte
Benutzeravatar
Altetröte
 
Beiträge: 1281
Registriert: 18.06.2009, 12:48

Re: Gibt es Talent?

Beitragvon Muri » 20.04.2010, 16:25

La musicienne hat geschrieben:Oja, das bereue ich auch, hab zwar mit 11 angefangen, finde es aber total schade, nicht schon mit 6-8 angefangen zu haben. Jedes Jahr ist ja schließlich wertvolle Zeit. Und ich beneide immer die, die jünger sind als ich, aber schon länger spielen.


Ich denke nicht, dass die Dauer damit zusammenhängt. Ich habe erst mit 17 angefangen und ärgere mich oft, dass ich nicht schon eher konnte. (Bin jetzt 21). Aber ich bin trotzdem ein bisschen stolz darauf, was ich in der kürze der Zeit gelernt habe. Habe nach 1,5 Jahren spielen die Aufnahmeprüfung für ein Lehramtsstudium geschafft. Und manche Leute, die ich spielen höre und schon viel länger spielen als ich, spielen nicht unbedingt besser als ich.
Benutzeravatar
Muri
 
Beiträge: 702
Registriert: 01.05.2008, 09:38
Wohnort: Wo der Pfeffer wächst

Re: Gibt es Talent?

Beitragvon La musicienne » 21.04.2010, 12:23

Natürlich ist die Dauer nicht ausschlaggebend, sondern nur einer der Faktoren.
Ich kann trotzdem mit den Gleichaltrigen mithalten, die schon länger spielen, so schlimm ist es auch wieder nicht. Aber trotzdem finde ich es ungerecht, dass man egal, wie lang man spielt und egal bei was für tollen Professoren oder eben nur einfachen Instrumentallehrern man Unterricht hatte, mit allen möglichen Leuten, die ganz andere Voraussetzungen haben, verlglichen wird. Aber so ist das Leben halt...kann man nichts ändern daran.

Wow, das mit der Aufnahmeprüfung ist ja schon der Hammer :shock: Das war schon die Aufnahmeprüfung für die, die Musiklehrer an einem Gymnasium werden wollen, oder? So wie ich gehört hab, gibts da ja durchaus um die 200 oder mehr Bewerber, wobei nur 30 bestehen und nur 10 von denen dann tatsächlich anfangen können! Wenn du dich mit 1,5 Jahren Übung unter vielleicht 200 Flötisten durchsetzten kannst...Respekt! OH Gott, will gar nicht wissen, wie ich nach 1,5 Jahren gespielt hab, zum Glück gibts da keine Aufnahmen :oops:
La musique est la vie!
Benutzeravatar
La musicienne
 
Beiträge: 1371
Registriert: 03.09.2008, 16:32

Re: Gibt es Talent?

Beitragvon Muri » 21.04.2010, 15:20

Soo heftig war es bei uns nicht ;)
Unter 300 Bewerbern gab es 80 Zusagen und nich gerade an einer Elite-Uni. Also nichts, worauf man sich was einbilden kann. Ich wollte damit nur sagen, dass der Zeitraum nichts damit zu tun hat!
Werde heute Abend nochmal was zum Thema posten
Benutzeravatar
Muri
 
Beiträge: 702
Registriert: 01.05.2008, 09:38
Wohnort: Wo der Pfeffer wächst

Re: Gibt es Talent?

Beitragvon doc » 15.07.2010, 14:10

Die Frage, was Talent überhaupt ist oder sein soll, ist schon sehr wichtig. Sonst redet man eh aneinander vorbei. Wobei ich fürchte, daß da bereits die Reise endet, weil keine Einigkeit entsteht.

Verallgemeinert lautet die Frage: Gibt es "musikalische" oder "unmusikalische" Menschen?
Wenn man diesen Unterschied bejaht, ist die nächste Frage: Wird man (un-) musikalisch geboren oder gemacht?

Eines weiß man inzwischen (hab im Radio einen Prof. dazu gehört): Das absolute Gehör wird erlernt. Das ist ja so ein angebliches Talent, was manche sogar mit Musikalität in Verbindung bringen. Die ernüchternde Wahrheit ist hier für diejenigen, die es nicht schon vorher wussten: Absolutes Gehör und musikalisches Talent brauchen einander nicht und können getrennt erworben werden.

Die liebe Jennifer Cluff wehrt sich in einer ihrer Kolumnen sehr vehement gegen gängige Vorstellungen von Talent und Musikalität, bzw. (genauer) gegen die Vorstellung, daß Musik etwas sei, was man nur als junger Mensch mit Erfolgsaussichten anpacken könne.

Die Frage ist wahrscheinlich weniger, ob es Begabung gibt, oder was das ist, ob es ein biogenetisches Ding ist oder soziokulturell vererbt oder geschenkt wird. Meienr Meinung nach werden genetische Faktoren derzeit massiv überschätzt, so wie soziokulturelle Faktoren in den Siebzigern überschätzt wurden. Praktisch entscheident ist doch eher die Frage, ob bei Interesse, Fleiss und gutem Unterricht "jeder" es musikalisch zu etwas bringen kann.

Und da geht mit Sicherheit viel mehr, als man sich (gegenseitig) zutraut.

Was das Schachspielen angeht, hat der Psychologe bzw. Pädagoge Lazlo Polgar dieser Frage bereits eine interessante Antwort hinzugefügt. Die Prämisse war, daß Begabung nicht nötig ist. Wohl aber exzellente Erziehung und Ehrgeiz (in seiner positiven Form).

Die Töchter sind gewissermaßen der lebende Beweis. Judit Polgar ist eine der stärksten Schachspielerinnen überhaupt.

Auch ein interessanter Beitrag zur Exzellenzdebatte (und reichlich off-topic, sorry): "Elite ist machbar, Herr Nachbar!" :-)
-- Liebe Grüße aus der Stadt mit dem riesigen Bahnhofskappellschen.
Benutzeravatar
doc
 
Beiträge: 213
Registriert: 19.09.2008, 13:38

Nächste


Ähnliche Beiträge


TAGS

Zurück zu Querflöte im allgemeinen..

Wer ist online?

0 Mitglieder

cron